Tipps zur Frauenselbstverteidigung

Einleitung

Mit steigenden Kriminalitätsraten wächst naturgemäß auch das Interesse an Selbstverteidigungskursen für Frauen. Kampfsportler werden daher öfters hinsichtlich der Durchführung von Selbstverteidigungskursen angesprochen. Allerdings weichen die Inhalte eines Selbstverteidigungskurses doch erheblich von denen eines gewöhnlichen Trainings ab und so sind im folgenden einige Tips angeführt, die bei der Durchführung von Selbstverteidigungskursen beachtet werden sollten. Vorweg ein dringender Appell an das Verantwortungsbewußtsein der Trainer: Er sollte bei den Teilnehmern keine falschen oder übertriebenen Hoffnungen bezüglich der Wirksamkeit der erlernten Techniken wecken. Auch sollten keine Techniken vermittelt werden, die im Ernstfall mit hoher Wahrscheinlichkeit fehlschlagen und damit im schlimmsten Fall sogar zum Tod des Verteidigers führen können.

Was ist zu beachten?

Unterschiedliche Voraussetzungen

Was ist bei der Durchführung von Selbstverteidigungskursen zu beachten? Zunächst sind dies die stark differierenden Voraussetzungen der Teilnehmer. Im allgemeinen sind große Unterschiede hinsichtlich Gewicht, Kraft, Ausdauer und Koordination zu beobachten. Um allen Teilnehmern die Möglichkeit zum Erlernen einer funktionsfähigen Selbstverteidigung(SV) zu bieten, sind nur einfachste Techniken vermittelbar.

Begrenzter Zeitumfang

Selbstverteidigungskurse sind in ihrem zeitlichen Umfang sehr begrenzt. Typisch sind Kurse über ein Wochenende oder über 10 Abende mit jeweils zwei Übungsstunden. In diesem knappen Zeitrahmen können nur einfachste Selbstverteidigungstechniken gelehrt werden.

Keine Wurftechniken

Wurftechniken sind als Selbstverteidigungstechniken im Rahmen von SV-Kursen und insbesondere für Frauen aus mehreren Gründen ungeeignet. Zum einen ist der typische Angreifer in der Regel hinsichtlich Gewicht, Kraft und Größe überlegen, so daß Wurftechniken von ungeübten Verteidigern nicht erfolgversprechend sind. Zum anderen klammert der Angreifer im allgemeinen und zieht den Verteidiger in die ungünstige Bodenlage. Außerdem wird ein körperlich trainierter Angreifer durch eine Wurftechnik im Regelfall nicht außer Gefecht gesetzt. Des weiteren sind Wurftechniken in vielen Situationen (z.B. im Sitzen (Auto, Sofa), im Liegen (Sofa, Boden), in engen Räumlichkeiten (Telefonzelle, Toilette)) nicht ausführbar. Auf das Training der technisch schwierigen Wurftechniken sollte daher zugunsten einfacher, universell einsetzbarer SV-Techniken verzichtet werden.

Man beachte, daß die Judo-Prüfungsordnung für Kyu-Grade zwar Wurftechniken als Selbstverteidigungstechniken enthält, hier die Voraussetzungen aber völlig andere sind und Wurftechniken an dieser Stelle durchaus Sinn machen. So trainieren Judoka ihre Würfe jahrelang bis diese zum Reflex werden. Diese Reflexe in der Selbstverteidigung zu nutzen, ist das Ziel der Judo-SV.

Keine Hebeltechniken

Auch von der Schulung von Hebeltechniken muß abgeraten werden. Gegen kräftemäßig stark überlegene Angreifer lassen sich Hebeltechniken oft nur schwer zur Anwendung bringen. Zudem muß der Angreifer dann in irgendeiner Form festgelegt oder das Gelenk gebrochen werden, um ihn außer Gefecht zu setzten. Auch hier gilt daher, daß einfache Schlag- und Trittechniken für ungeübte Verteidiger den technisch anspruchsvollen Hebeln vorzuziehen sind.

Keine "typischen" Karate Techniken

Die Schulung von Schlag- und Trittechniken sollte sich auf einfachste Techniken (Handballenstoß, Tritt zum Unterleib) beschränken. Das Vermitteln von "typischen" Karatetechniken, wie z.B. geradem Fauststoß oder Halbkreisfußtritt in technisch korrekter Ausführung ist aus Zeitgründen nicht möglich. Die Vorteile dieser Art der Ausführung stellen sich erst nach intensivem (jahrelangem) Training ein und können im Rahmen von SV-Kursen kaum vermittelt werden. Ebenso sollte man sich bei den Blocktechniken auf einfache Abwehrbewegungen mit den offenen Händen beschränken.

Waffenabwehr mit Vorsicht behandeln

Die Abwehr von Waffenangriffen ist mit äußerster Vorsicht zu behandeln. Während die Abwehr einfacher Stockangriffe (und verwandter Waffen, z.B. Bierflasche, Aschenbecher) noch relativ gut durchzuführen ist, ist eine erfolgreiche Messer- oder Pistolenabwehr nahezu unmöglich.

Verhältnismäßigkeit der Mittel

Die vermittelten Selbstverteidigungstechniken sollten effizient sein, aber den Grundsatz der "Verhältnismäßigkeit der Mittel" gewährleisten. Das heißt, die angewandte Selbstverteidigungstechnik darf den Angreifer nur insoweit schädigen als dies erforderlich ist, um den Angriff abzuwehren. Der Handballenstoß erfüllt dies z.B. in vorbildlicher Weise. Techniken wie der Fingerstich zu den Augen oder Handkantenschläge zum Hals oder Kehle sind in diesem Sinne nur eingeschränkt brauchbar, da schwer dosierbar.

Typische SV-Situation

Die Statistik zeigt, daß sich in ca. 90% der Fälle Täter und Opfer kennen; der Angriff also aus dem persönlichen Umfeld heraus erfolgt. Der berüchtigte "Sprung aus dem Gebüsch" oder das "Auflauern in der Tiefgarage" sind weniger häufig als vermutet. Öfter eskalieren hingegen harmlose Situationen (Discobesuch, Bekannter übernachtet, ...). Bei der Durchführung von Rollenspielen sollte dies beachtet werden.

In 99% der Fälle sind die Angreifer Männer; vorrangig im Alter von 25-35 Jahren. Die häufigsten Opfer sind Frauen im Alter von 14-20 Jahren. Daraus folgt, daß der Angreifer im Regelfall erheblich schwerer, größer und stärker nicht jedoch schneller als sein Opfer ist. Schnelligkeit und einfache, effiziente Techniken sind für eine erfolgreiche Selbstverteidigung daher ausschlaggebend.

SV ist ein psychologisches und nicht physiologisches Problem

Die Selbstverteidigung stellt vorrangig ein psychologischen und nicht ein physiologisches Problem dar. Entscheidend für eine erfolgreiche Selbstverteidigung ist der feste Wille sich um jeden Preis zu verteidigen. Der technische Aspekt spielt nur eine untergeordnete Rolle. Aus diesem Grunde ist die Schulung des Willens - z.B. durch Kampfspiele, Durchhalteübungen - weitaus wichtiger als das Techniktraining. Überragende Bedeutung kommt dabei auch dem Kampfschrei zu, der das wichtigste Mittel zur Demonstration von Entschlossenheit darstellt.

Daneben sollen die Teilnehmer lernen, ihr eigenes Umfeld genauer zu beobachten, um mögliche SV-Situationen bereits im Vorfeld zu erkennen und zu vermeiden. Dazu gehört auch, sich über die eigenen Absichten im klaren zu sein und dies nach außen hin zu zeigen (Körpersprache).

Zur psychologischen Schulung bieten sich Rollenspiele an, bei denen die Teilnehmer mit möglichen SV-Situationen konfrontiert werden. Es ist erwiesen, daß Personen in bereits "durchgespielten" Situationen wesentlich besser und schneller reagieren, da die sogenannte "Schrecksekunde" verkürzt wird.

Selbstverteidigung und Kampfkunst/Kampfsport

Viele Techniken einer Kampfkunst/Kampfsportart wie Judo, Karate, Aikido, usw. sind nur von den jeweiligen Experten in einer Selbstverteidigungssituation anwendbar. Der durchschnittliche Kampfsportler dürfte hier im Regelfall überfordert sein. Trotzdem kann Kampfsport aus mehreren Gründen für die Selbstverteidigung empfohlen werden. So verbessern Sport allgemein und Kampfsport im speziellen die Kondition (Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit). Weiterhin werden der Wille sich zu verteidigen und das dazu nötige Selbstbewußtsein gestärkt. Schließlich und letztendlich wird durch Kampfsport eine gewisse psychologische Vorbereitung hinsichtlich von Selbstverteidigungssituationen erzielt.

Zusammenfassung

Würfe, Hebel und Atemi-Techniken sind in der Selbstverteidigung durchaus von Nutzen aufgrund des hohen technischen Anspruchs in der Ausführen aber sehr trainingsintensiv und im Rahmen von Selbstverteidigungskursen für Laien daher ungeeignet. Es sollten nur einfachste Schlag- und Trittechniken (Schlag ins Gesicht, Tritt zum Unterleib) geschult werden. Wichtiger als die Technik ist die Stärkung des Willens, z.B. durch Kampfspiele oder Durchhalteübungen. Insofern ist auch Kampfsport nützlich für die Selbstverteidigung und ist als ergänzende Maßnahme zu empfehlen.

Besondere Beachtung ist dem Üben von typischen SV-Situationen zu schenken. Es sollen weder unrealistische Erwartungen bezüglich der Verteidigungsmöglichkeiten geweckt noch die Teilnehmer durch übertrieben schwere Übungen entmutigt werden.